Eine schwere Entscheidung: Amputation? Ja!

Es war die bisher schwerste Entscheidung für den sechsfachen Vater Jörg Haberlah, als er sich nach einem 31 Jahre währenden Leidensweg nun doch zur Amputation seines rechten Unterschenkels und Knies entschließt. Wie geht es ihm heute?

Text und Fotos (1 +3): Ronald Schmidt

Jörg Haberlah ist gerade fünf Jahre alt, als er durch einen unglücklichen Verkehrsunfall unter einen Bus gerät, der ihn überrollt. Wie durch ein Wunder überlebt er dies, doch sein rechter Unterschenkel wird von einem Rad erfasst, Schienbein und Wadenbein brechen mehrfach, Weichteile und Muskulatur werden zerstört, die Lymphbahnen sind kaputt, der offene Bruch wird nie richtig verheilen. Zu allem kommt erschwerend hinzu, dass die Muskulatur damals falsch angenäht wird, was eine Kalkbildung in den Muskeln zur Folge hat. Die dadurch hervorgerufenen chronischen Entzündungen machen das Leben über all die Jahre zur Qual, starke Schmerzen am offenen Bein erfordern den permanenten Einsatz von starken Antibiotika. Doch leider verträgt Haberlah von vornherein kein Penicillin, man muss auf Ersatzmittel zurückgreifen, von denen im Laufe der Jahre immer weniger zu wirken scheinen. Beim letzten Test im Frühjahr 2010 wird von den behandelnden Ärzten festgestellt, dass er mittlerweile gegen acht von siebzehn Antibiotika resistent ist, u.a. Folge des häufigen Einnehmens während seiner langen Leidenszeit.

„Es kann nur besser werden, so wollte ich nicht weitermachen!“

Ende Januar diesen Jahres ist es so weit, nach 31 Jahren Leiden mit dem lädierten Bein entschließt sich der Vater von sechs Kindern im Alter von zwei bis neun Jahren zur Amputation von Unterschenkel und Knie. „Es kann nur besser werden, so wollte ich nicht weitermachen!“, erinnert er sich an die wohl schwerste Entscheidung seines Lebens. Mitte März erfolgt dann die sechsstündige OP im Universitätsklinikum Göttingen, der Körper zeigt Abstoßreaktionen gegen die eigene Fußsohle, dies kann aber in einer sofort anschließenden vierstündigen Nach- OP erfolgreich korrigiert werden. Die Zeit nach der OP verläuft besser als gedacht, „Ich lag nur circa anderthalb Wochen stationär und konnte dann nach Hause entlassen werden, wo ich acht Wochen zur Verheilung der Narben verbrachte und mit der provisorischen Prothese erste vorsichtige Gehversuche unternahm“, erinnert sich Haberlah. In der dann folgenden dreiwöchigen Reha geht es mit guten Fortschritten endgültig vom Rollstuhl auf die vorläufige Prothese. Diese wird in Kürze durch eine endgültige Version ersetzt, dann bekommt er das Rheo®- Knee von Össur und eine spezielle (bei o|r|t im Haus gefertigte) Knieexartikulationsprothese, deren Schaft mit einem besonderen Stoff in Schlangenleder-Optik individualisiert wird.
Bereits nach einem halben Jahr hat er sich in die neue Situation gut eingelebt, „Ich habe eine 30-Stunden- Woche als Orthopädie-Schuhtechniker, die restliche Zeit nehmen natürlich meine Kinder voll in Beschlag.“

„Mir hat die Amputation sofort geholfen, dank moderner Medizin und Prothetik habe ich nichts von meiner alten Mobilität verloren.“

Zweimal in der Woche geht er Schwimmen und tut seinem Körper damit Gutes. „Wenn mich im Schwimmbad fremde Kinder fragen, was denn mit meinem Bein passiert sei, kann ich das nun locker erzählen und es wird interessiert aufgenommen“. Früher wäre er mit seinem kranken Bein nie ins Schwimmbad gegangen, hätte es wegen der Infektionsgefahr auch gar nicht gedurft. „Heute trage ich sogar kurze Hosen, das hätte ich früher nie getan, ich habe mich für des lädierte Bein damals sehr geschämt“. Die neu gewonnene Lebensqualität trotz Amputation tut Jörg Haberlah gut und sein Beispiel macht anderen Betroffenen Mut. Er ist dank moderner Prothetik wieder voll mobil, fährt Auto, im Sommer sogar Fahrrad und Motorroller. Die Entscheidung zur Amputation fiel ihm anfangs schwer, das zeigt das lange Zögern, aber sie hat sich für Jörg Haberlah als richtig erwiesen.

Das sagt der Experte
„Das Gefühl der Fußsohle ist weiterhin vollständig erhalten, Impulse werden von der Fußsohle zum Gehirn geleitet, das ist auch für das Gleichgewichts- und Lageempfinden besonders wichtig.“
Amputationsstümpfe auf Höhe des Kniegelenkes sind wegen der dünnen Weichteildeckung oft problematisch. Aufgrund der besonderen anatomischen Verhältnisse sind Muskellappenplastiken zur Deckung hier manchmal nicht möglich, wird jedoch der Kniegelenksstumpf mit Haut und Fettgewebe gedeckt, können sich im späteren Verlauf Wundheilungsstörungen herausstellen, immer wieder können solche Stümpfe über Jahre Probleme bereiten.

Im vorliegenden Fall wurde die Fußsohle als kombinierte Weichteillappenplastik mit versorgenden Nerven zur Deckung eines voll funktionsfähigen Stumpfes verwendet. Insbesondere die prothetische Versorgung ist in diesen Fällen erheblich vereinfacht. Die durch bakterielle Entzündung hervorgerufenen chronischen Infektionen hatten den Körper von Jörg Haberlah geschwächt und ihn im Verlauf der Jahre stark beeinträchtigt. In einem extrem aufwendigen, mehrere Stunden dauernden, mikrochirurgischen Eingriff wurde die Fußsohle, die noch intakt war, dazu verwendet, einen Kniegelenksstumpf sicher abzudecken. Das besondere dieser Operation war, dass die Blutgefäße mit haarfeinen Fäden unter dem Mikroskop an die Kniegefäße angeschlossen wurden. Der Nerv jedoch blieb in gesamter Länge vollständig erhalten, sodass das Gefühl der Fußsohle bereits am ersten Tag nach der Operation voll erhalten war. Berührt man den Patienten nun am Kniegelenksstumpf, spürt er es wie eine Berührung an der Fußsohle. Die nebenstehenden Abbildungen zeigen das zuführende Gefäß (Arterie) in rot, das abführende Gefäß (Vene) in blau sowie den Nerv in gelb. Da der Nerv jedoch über eine lange Strecke erhalten blieb, musste er um den Kniegelenksstumpf einmal herum gelegt werden. Nach ungestörtem Heilungsverlauf kann dann die definitive Prothesenanpassung über eine Knieexartikulations-Prothese mit Rheo®-Kniegelenk der Firma Össur durchgeführt werden. Hierbei handelt es sich um eine aufwendige Hightech- Prothese mit hochwertigen Stahl- und Carbonanteilen. Carbon ist besonders leicht und wird deshalb vor allem in der Luft- und Raumfahrt sowie im Rennsport geschätzt.

Eine völlig freie Bewegung, mittlerweile ohne Unterarmgehstütze, ist dem Patienten möglich. Nach einigen Wochen Training und Aufbau der Oberschenkelmuskulatur besteht nun eine stabile Stumpfversorgung, das Körpergewicht ruht auf einer Fußsohle mit einer stabilen Hautdeckung. Das Gefühl der Fußsohle ist weiterhin vollständig erhalten, Impulse werden von der Fußsohle zum Gehirn geleitet, die auch für das Gleichgewichts- und Lageempfinden besonders wichtig sind.

Die plastische Chirurgie bietet durch Einsatz von mikrochirurgischen Operationstechniken mit speziellen Behandlungskonzepten die Möglichkeit, Gewebe schonend von einer Stelle des Körpers zur anderen zu verlagern. Damit gelingt es, nicht nur eine zufrieden stellende äußere Form, sondern auch eine hervorragende Funktion der Körperregion wiederherzustellen. Im vorliegenden Fall handelt es sich um ein sehr gutes Beispiel von innovativen Projekten zur Vernetzung gesundheitsbezogener Versorgung von Patienten durch die Zusammenarbeit der Universitätsmedizin Göttingen, Prothesenherstellern und dem ortsansässigen Sanitätshaus.

gunther.felmerer@med.uni-goettingen.de