Die Mutmacher: Kunst gibt Kraft

Künstlerin Roswitha Lehr

Text und Fotografie: Ronald Schmidt

Roswitha Lehr beim malenAuf ihrer Visitenkarte und ihrem Flyer empfiehlt sich die Göttingerin Roswitha Lehr als Künstlerin für Freie und Auftragsarbeiten im Bereich der Ölmalerei. Auch ihre Homepage gibt keinerlei Hinweise, unter welchen erschwerten Bedingungen sie dieser anspruchsvollen Aufgabe nachgeht.
Dass sie in ihrem früheren Leben als engagierte Verwaltungsangestellte sowie Gleichstellungs- und Frauenbeauftragte an der Georg-August-Universität Göttingen viel und gerne mit Menschen zu tun hatte, merkt man ihr an ihrer offenen, fröhlichen Art sofort an. Trotzdem überrascht Ihr heutiger Lebensmut, wenn man sich ihre schwere Rheumatoide Arthritis und Osteoporose vor Augen führt.

Bis ins Jahr 2003 deutete nichts darauf hin, dass das Leben nach überwundenen familiären Schicksalsschlägen in ihrer Jugend noch eine besonders schwere Prüfung für sie bereit halten wird. Im Gegenteil, mit Ende 40 erlernt sie mit der ihr eigenen Kraft und Neugierde als "Spät-Entdeckerin" das Motorradfahren und macht dank dieses gemeinsamen Hobbies mit ihrem Mann Rainer wunderbare Reisen, von deren Erinnerungen sie noch heute zehrt und aus denen sie Kraft gewinnt. Ausschlag für den Führerschein war damals eine ganz besondere Motorroller-Tour, die sie vom heimischen Göttingen in nur einem Tag bis nach Südtirol ins Sarntal führte. "Mit unserem kleinen Roller erklommen wir im Schneckentempo die steilsten Pässe, als dann der Brennerpass spät abends hinter uns lag, wurde uns endlich warm und wir wussten, dass wir es schaffen würden!". Ehrgeiz und Mut zu neuen Dingen, das zeichnete sie schon damals aus und das wird sie später noch gut gebrauchen können.

Roswitha Lehr und ihr Mann"Als ich 2008 in den Rollstuhl sollte, weigerte ich mich. Der stand wie ein Fremdkörper über sechs Wochen in der Ecke rum, aber dann sagte ich mir: Wenn ich mir die Hilfsmittel nicht zum Freund mache, habe ich schon verloren."

Das Motorradfahren ist nicht das einzige spät erlernte Hobby von Roswitha Lehr, es gesellte sich -Schicksal oder Zufall- unter Umwegen die Malerei hinzu und das kam so: Als sie 2001 von ihrem hobbymalenden Schwiegervater gefragt wurde, was sie sich denn noch für Bilder von ihm wünschen würde, war ihre spontane Antwort: Keine Bilder, aber die Staffelei hätte ich später gerne, vielleicht lerne ich das auch nochmal. Schneller als sie selbst dachte, belegte sie dann nach der "Erbschaft" Malereikurse und in Michael Melchior findet sie einen Mentor, der die verborgenen Talente seitdem fördert. Heute glaubt sie, dass es noch einen weiteren Grund für ihr Kunstinteresse geben muss: Sie wuchs - aus einer kinderreichen Familie kommend - bei ihren Großeltern auf und Ihr Opa hielt in den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren die Familie mit selbstgemalten Göttingen-Bildern über Wasser, von denen sie erst kürzlich eines auf einem lokalen Flohmarkt entdeckte und zurückkaufen konnte.
Das unbeschwerte Leben endet 2003. Im Stress um einen Hausumbau mit ihrem Mann glaubt sie darin den Grund für Gelenkbeschwerden und Schmerzen gefunden zu haben. Gemeinsam richtet man sich gerade ein gemütliches Nest für die zweite Lebenshälfte ein, dabei passiert es: Mehr als zwei Jahre übersieht sie frühe Symptome und vergibt so eine Chance auf einen möglicherweise weniger schweren Krankheitsverlauf ihrer Rheumatischen Polyarthritis, die erst im Rahmen einer umfangreichen Untersuchung an der Göttinger Universitätsmedizin im Jahr 2005 entdeckt wird, nachdem die Schmerzschübe bereits immer schlimmer werden. Unter großen Schmerzen arbeitet Frau Lehr noch bis ins Jahr 2007 in ihrem verantwortungsvollen Job an der Universität weiter, bis die Krankheit so schwer wird, dass es wirklich nicht mehr geht, die Arbeitsunfähigkeit war unvermeidbar. Ans Motorradfahren ist nun auch nicht mehr zu denken, vorbei die gemeinsamen Touren auf Teneriffa, das mit seinem milden Klima Winterurlaube für sie als Rheumatikerin besonders angenehm machte. Als letzten Ausweg sattelt Ihr Mann noch ihr zuliebe auf ein Trike um, für einen eingefleischten Motorradfahrer kein leichter Schritt. Eigentlich sollte sie nun bequem in einer Art Schalensitz als Sozius mitfahren können, das Honda Goldwing-Trike wurde auf einem Trailer ins geliebte Südtirol gezogen, erst dort wollte man damit fahren. Nach nur wenigen Kilometern wird aber beiden klar, die Schmerzen sind nun unerträglich, das geliebte gemeinsame Hobby geht mit dieser bitteren Erfahrung schlagartig zu Ende.
Roswitha Lehr beim malenAls Resultat dieser Entwicklung wartet 2008 leider der Rollstuhl, dem sie sich anfangs verweigerte. Er stand wie ein Fremdkörper über sechs Wochen in der Ecke rum, aber irgendwann gab sie sich einen Ruck und sagte: Wenn ich mir die Hilfsmittel nicht zum Freund mache, habe ich schon verloren. Es bleibt ihr keine andere Wahl, neben der rheumatoiden Arthritis mit schweren Gelenkdeformationen kommen ständige Schmerzzustände, auch Nachts, Osteoporose mit diversen Knochenbrüchen, Fybromyalgie sowie Restless-Legs, also unruhige Beine, wenn sie bestimmte Medikamente nicht einnimmt, dazu. Das Resultat: Ohne fremde Hilfe geht nichts mehr.
Die Schmerzen sind ein besonders schweres Problem, denn keine noch so kleine Anstrengung und Aktivität ist ohne starke Schmerzmittel überhaupt denkbar: Keine Autofahrt, kein Besuch, kein längeres Gespräch und auch nicht die so geliebte Malerei. Immer ist eine ganze Armee an schweren Medikamenten mit von der Partie, um das Leben halbwegs lebenswert zu machen. Erschwerend kam dann noch Ärger mit der (alten) Krankenkasse hinzu, die bestimmte Leistungen entweder überhaupt nicht übernehmen wollte oder einst bewilligte Hilfsmittel wieder zurück verlangte. Aber es gibt auch eine ganz große Hilfe in ihrem Leben und das ist ihr Mann, der sich rund um die Uhr rührend um sie kümmert und seit 2009 seine Altersteilzeit fast aus- schließlich der Pflege seiner Frau widmet. Diese Aufopferung ist zwar einerseits auch eine schwere Belastung für die Ehe, aber es schweißt andererseits auch enorm zusammen. Er hilft ihr bei den Vorbereitungen zum Malen, baut ihr eigens einen Rollstuhl-Lift in den Garten, macht die Blumenkästen rollstuhlgerecht und baut das Wohnmobil für den Liegendtransport um. Als Ingenieur erfindet er tausend kleine Dinge, die seiner Frau das Leben ein wenig erleichtern. Doch bei aller Hilfe, das Tempo, mit dem sie heute ihre Ziele erreicht, hat sich durch die Krankheit enorm verlangsamt.

Früher schaffte Roswitha Lehr auf der Schreibmaschine über 400 Anschläge pro Minute, heute fällt ihr jede feinmotorische Bewegung extrem schwer. Dank gut angepasster Orthesen und leider auch unter Zuhilfenahme von Schmerzmitteln verfasst sie heute wieder kleine Notizen auf dem iPhone."Mein Mann ist Ingenieur. Ohne seine cleveren Ideen und helfenden Hände sowie die engagierten Mitarbeiter im Sanitätshaus wären manche Alltagssituationen für mich überhaupt nicht mehr zu meistern. Oft sind es nur kleine Dinge, die anfangs unüberwindbar schienen und für die wir eine Lösung fanden."

Da für Roswitha Lehr aber das Glas stets halb voll, anstatt halb leer ist, hat sie noch große Ziele für die Zukunft. Zum Beispiel endlich wieder einmal mit dem Wohnmobil nach Italien oder interessante neue künstlerische Projekte starten. Sie möchte aber auch anderen helfen, z.B. denkt sie darüber nach, als Vorleserin von Tageszeitungen für das Blindenhörprogramm Daisy zu agieren. Sehr gerne würde sie auch als Schöffin am Gericht tätig werden, hier verhindert aber leider das nötige lange Sitzen diesen Dienst an der Öffentlichkeit. Gegenseitige Hilfe ist Frau Lehr sowieso am wichtigsten, mit einer blinden Freundin hatte sie einmal eine Vereinbarung getroffen: Diese schiebt Frau Lehr im Rollstuhl, dafür übernimmt sie das Sehen und weist Ihr den Weg.
Was auch immer Roswitha Lehr anpackt, Mitmenschen sehen in ihr ein lebendiges Beispiel dafür, dass man trotz schwerer Behinderung mit etwas Hilfe von außen noch sehr viel bewegen kann. Beeindruckender kann eine Mutmacher-Geschichte wohl kaum sein.
www.kunstinoel.com

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