Die Mutmacher: Aufgeben? Niemals!

Dorothea EckermannTrotz härtester Schicksalsschläge freut sich Dorothea Eckermann auf jeden neuen Tag.

Text | Fotografie: Ronald Schmidt

Wer Dorothea Eckermann heute im Rollstuhl sieht,kann sich denken, dass es das Schicksal nicht immer gut mit ihr meinte. Wenn man sich jedoch etwas länger mit der ehemaligen Bankangestellten unterhält, weiß man, dass ihre Schicksalsschläge auch auf mehrere Menschenleben verteilt noch viele Familien komplett aus der Bahn hätten werfen können. So ist es ein Wunder, dass die Mutter von zwei Töchtern und mittlerweile glückliche Oma von zwei süßen Enkeln auch heute noch auf jeden neuen Tag neugierig ist und sich freut. "Ich habe noch so viel zu erleben und möchte noch so viele Dinge tun, ich begrüße jeden neuen Tag mit offenen Armen", sagt sie. Ein Grund hierfür dürfte die Tatsache sein, dass sie im Laufe ihrer Erkrankung viele Wochen im Wachkoma lag und sich erst langsam an ihr altes Leben erinnern konnte. "Alles musste immer funktionieren, ich war eine Powerfrau mit Organisationstalent und hatte eine tolle Familie, die an einem Strang zog. Anders hätten wir den Alltag auch schon vor meiner Krankheit nie und nimmer so gut gemeistert!" sagt sie nicht ohne Stolz, sich diese Tugend auch bis in die schwere Zeit hinein bewahrt haben zu können.

"K örperliche Bewegung ist ebenso wichtig wie geistige Fitness, darum fahre ich fast jeden Tag an die 20 km Fahrrad, ganz bequem im Wohnzimmer."Doch blicken wir kurz in die Zeit vor ihrer Krankheit zurück, die erste Tochter Sandra wird geboren, ein Haus gebaut, als das Kind in den Kindergarten kommt, möchte Dorothea Eckermann wieder arbeiten und etwas zum Familieneinkommen beitragen. Damit das Haus schneller abgezahlt werden kann, nimmt Sie einen herausfordernden Job bei einer Bank in der nahen Stadt an. Dank der Mithilfe ihrer Eltern ist ihr Kind nach Kindergarten und Schule tagsüber gut versorgt. Ihr Mann ist unter der Woche auswärts auf Montage und wenn Frau Eckermann heim kommt, muss sie viele Entscheidungen für die junge Familie alleine treffen. Dreizehn Jahre nach der Geburt ihrer ersten Tochter wird sie wieder schwanger, Tochter Franziska erblickt das Licht der Welt. Doch als diese gerade drei Jahre alt ist, fühlt sie sich nicht sonderlich gut, eine Untersuchung beim Internisten ergibt deutlich zu hohe Cholesterinwerte. Die eingesetzten Medikamente helfen leider nicht, eine starke Aderverkalkung ist die Folge und so muss sie ab sofort neben der Belastung in Job und Familie einmal pro Woche für jeweils fünf Stunden zur Blutwäsche nach Göttingen. Aber auch mehrfaches Delatieren (Erweiterung der Herzkranzgefäße) sorgt für keine Besserung und eine Amtsärztin spricht dann die während der andauernden Krankheit befürchteten Worte aus "Tut mir leid, Frau Eckermann, Sie müssen berentet werden!". Vor dem nächsten Schritt hat die Herzkranke richtig Angst, in einer vierstündigen OP (normalerweise dauert so etwas ca. eine Stunde) wird ihr ein Stent gesetzt - nach dem Aufwachen fühlt sie sich vorerst gut und kann wieder frei atmen, doch ein geschwollenes Bein trübt die Freude darüber und noch bevor sie zum Röntgen gebracht werden kann, ereilt Dorothea Eckermann ein Herzstillstand und sie fällt während der Reanimation ins Koma. Es ist der 5. August 1995 und dieser Tag wird ihr Leben für immer grundlegend verändern, denn von nun an fehlt ihr jegliche Erinnerung an ihr altes Leben und ihre interne Festplatte scheint wie gelöscht.
Der erste Aufwachversuch nach drei Wochen scheitert, Schüttelkrämpfe plagen sie, nach weiteren Wochen im Wachkoma wacht sie auf, fühlt sich jedoch unbeholfen wie ein Baby, kann weder sprechen noch essen und hat keinerlei Erinnerung mehr. Durch Erzählungen und Fotoalben erfährt sie von ihrem früheren Leben als Mutter und Ehefrau.

Trackball und spezielle ComputertastaturIn der folgenden Reha diagnostiziert der Leiter der Klinik, dass sie dort eigentlich fehl am Platze sei, ein Schwerstpflegefall, nicht therapierbar. Doch ihre Tochter Sandra, gelernte Kinderkrankenschwester, lässt nicht locker und macht sich für eine Fortführung der Reha stark, aber auch Dorothea Eckermanns eigener Kampfgeist ist nun geweckt. Mit Hilfe ihrer älteren Tochter, die sie tagsüber in der Klinik besucht und so den Schwestern einiges an Arbeit abnimmt, setzt sie ihre Therapien fort, Logopädie, Hirnleistungstraining, Ergotherapie, Krankengymnastik, nach sieben Wochen das Wunder: Sie kann kurz auf ihren eigenen Beinen stehen und mit viel Hilfe sogar ein paar Schritte gehen. Doch der Rollstuhl bleibt auf Dauer unvermeidbar, Rückschritte folgen, Depressionen, 1998 müssen Bypässe gelegt werden, bei einer OP dann wieder Herzstillstand, Reanimation, wochenlang Intensivstation, doch immer noch hat sie ihren alten Kampfgeist: Der Überlebenswille versucht den geschwächten Körper zu stützen. Gerinnsel im Herzkranzgefäß machen den Einsatz von Marcumar® notwendig.

bös" Wer sein Ziel kennt, findet den Weg." steht über dem Computer, mit dem die Eichsfelderin Dorothea Eckermann nicht nur Kontakt zur Aussenwelt hält, sondern auch schon ihr erstes eigenes Buch "Aufgeben? Niemals!" geschrieben hat.Einige Jahre später, an das Leben mit dem Rollstuhl hat sich Frau Eckermann mittlerweile gewöhnt, das Haus wurde entsprechend ihrer Bedürfnisse eingerichtet, ihre beiden Töchter kümmern sich täglich liebevoll um sie, zwei Enkelkinder versüßen den harten Alltag, da schlägt das Schicksal erneut mit voller Härte zu: Ihr Mann fällt völlig unerwartet beim Rasen mähen im Garten um und wird mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus gebracht. Leider zeigen Untersuchungen sehr schnell, dass es noch schlimmer ist, ein bösartiger Hirntumor bedroht das Leben des bisher sehr aktiven Mannes. Chemotherapien folgen, er muss sein geliebtes Motorradfahren aufgeben, nach wenigen Monaten kommt er mit der Nachricht heim, dass er laut seiner behandelnden Ärztin bald sterben müsse und nun alle Dinge regeln solle, bevor es zu spät sei. Kurze Zeit später stirbt ihr Vater an Lungenkrebs.
Ihr Mann bekommt bedingt durch den Hirntumor und die starken Medikamente aggressive Schübe, die für sie und ihre Kinder eine weitere starke Belastung darstellen.

Aus den wenigen Monaten die man ihm noch gibt, werden drei für die ganze Familie schwere Jahre. Als die Ärzte ihren Mann in ein Hospiz verlegen wollen, setzt sie sich dafür ein, dass er nach Hause kommt und pflegt den sterbenskranken Gatten unter größten Anstrengungen mit Hilfe Ihrer Familie und einer Haushaltshilfe. Wenig später verstirbt er.
Der Tod ihres Mannes ist ein weiterer wichtiger Einschnitt in ihrem Leben, denn nun tritt ihre eigene Erkrankung wieder in den Vordergrund und damit auch die Angst, die Entwicklung ihrer jüngeren Tochter Franziska nicht mehr selbst zu erleben, zum Beispiel deren Heirat und vielleicht weitere Enkelkinder. Nicht aufgeben, sondern kämpfen, heißt daher Dorothea Eckermanns alte und neue Devise.
Endlich findet sie wieder Zeit zum Schreiben, ein PC mit besonderer Tastatur und Trackball wird angeschafft, um der ehemaligen Rechtshänderin, das nun krankheitsbedingte linkshändige Schreiben zu ermöglichen. Ihr erstes Buch "Aufgeben - Niemals!" (ihre Lebensgeschichte) ist bereits erschienen und Dorothea Eckermann sagt: "Ich möchte weiter schreiben, solange ich die Kraft habe!". Sie hat viel zu erzählen und ihr Beispiel macht anderen Betroffenen Mut, das merkt sie auch im Internet, wo sich schon viele Freundschaften ergeben haben, die sich auch im "richtigen Leben" fortsetzen. "Wir treffen uns regelmäßig und besuchen uns gegenseitig, das ist eine ganz tolle Truppe!"

Trotz ihres schweren Handicaps geht sie einer weiteren Leidenschaft so gut wie möglich nach: Sie verreist gerne im Kreise ihrer Liebsten, ob Urlaub in der Türkei oder ein Wochenende in Hamburg beim Musical "König der Löwen", mit etwas Vorplanung findet sich immer ein Weg, den eigenen vier Wänden zu entkommen und die Welt da draußen zu entdecken. Dorothea Eckermann ist noch immer eine Power-Frau, das beweist allein schon ihr Trainingsprogramm mit dem zum Home-Trainer umfunktionierten Rollstuhl: 20 Kilometer Fahrrad täglich fahren die wenigsten Gesunden.